Simone Eisenbeiss (27) aus dem Appenzell Ausserrhoden rettet seit Mai 2024 für Animal Rescue Kharkiv (ARK) in Donbass (Ukraine) Tiere direkt von der Kriegsfront. Wie es dazu kam, seit wann Simone sich für Tiere einsetzt, wie PETA dabei unterstützt und was sie im Krieg überrascht hat, berichtet sie mir im Interview.
Wann und wieso hast du begonnen, dich für die Tiere einzusetzen?
Mein Einsatz für Tiere war schon immer Teil meines Lebens. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der es selbstverständlich war, Tieren zu helfen. Unser Zuhause war voller geretteter Tiere aus den unterschiedlichsten Ländern, und ich verbrachte als Kind jede freie Minute in der Natur. Meine Mutter hat einen grossen Teil ihres Lebens der Rettung spanischer Galgos gewidmet. Diese Hunde werden nach der Jagd oft ausgesetzt oder getötet, sobald sie nicht mehr gebraucht werden. Sie hat mir gezeigt, dass jedes Leben gleich wertvoll ist.
Mit etwa neun Jahren begann ich, mich intensiv mit Veganismus auseinanderzusetzen. Dabei ging es mir nie nur um Ernährung. Ich wollte verstehen, wie wir Menschen mit Tieren umgehen und welche Folgen unser Konsum für sie hat. Schon als Kind begann ich, über Tierversuche, Pelzfarmen und die Ausbeutung von Wildtieren zu lesen. Während andere Kinder ihre Hobbys entdeckten, versuchte ich zu verstehen, warum Menschen anderen Lebewesen so viel Leid zufügen. Heute glaube ich nicht, dass ich diesen Weg bewusst gewählt habe. Er ist vielmehr ein Teil meiner Persönlichkeit geworden. Ob ich Tiere in einem Kriegsgebiet rette, Wildtierkriminalität dokumentiere oder indigene Gemeinschaften beim Schutz ihrer Natur unterstütze – all das basiert auf derselben Überzeugung, die mich schon als Kind begleitet hat: Jedes Leben verdient eine Chance.
Wie kam es dazu, dass du im Kriegsgebiet in der Ukraine Tiere direkt von der Front rettest?
Schon vor dem Krieg interessierte ich mich für Osteuropa und wusste, dass viele Tierschutzorganisationen dort mit sehr begrenzten Mitteln arbeiten. Als 2022 der russische Angriffskrieg begann, befand ich mich mit Sea Shepherd auf einer Mission vor der Küste Westafrikas. Wegen der COVID-Bestimmungen konnten wir monatelang nicht an Land gehen. Ich verfolgte täglich die Nachrichten. Als ich einen engen Freund in der Ukraine verlor, war für mich klar, dass ich dorthin gehen würde, sobald sich die Möglichkeit ergab.
Mir war jedoch wichtig, nicht unvorbereitet in ein Kriegsgebiet zu gehen. Ich wollte Erfahrungen sammeln, Fähigkeiten entwickeln und etwas mitbringen, das den Menschen und Tieren tatsächlich hilft. Deshalb arbeitete ich weiterhin in internationalen Natur- und Tierschutzprojekten, auf Schiffen, in Wildtierstationen und in schwierigen Einsatzgebieten. 2024 stiess ich schliesslich auf Animal Rescue Kharkiv (ARK) und fühlte, dass dies die richtige Organisation für mich war. Die Ukraine hat mich mehr gefordert als jedes andere Einsatzgebiet zuvor. Gleichzeitig habe ich dort einen Sinn gefunden, wie ich ihn vorher noch nie erlebt hatte. Gemeinsam mit einem kleinen Team Tiere aus zerstörten Dörfern und direkt aus Frontgebieten zu retten, hat mein Leben nachhaltig verändert.
Wie gehst du mit der Angst um?
Angst gehört zu jedem Einsatz dazu – und das ist auch gut so. Wer in einem Kriegsgebiet arbeitet und behauptet, keine Angst zu haben, unterschätzt entweder die Situation oder verdrängt seine Gefühle. Angst schützt uns. Sie macht uns aufmerksam und erinnert uns daran, Risiken ernst zu nehmen. Mit der Zeit habe ich gelernt, zwischen Angst und Panik zu unterscheiden. Angst hilft mir, wachsam zu bleiben. Panik hingegen blockiert klares Denken und genau das darf in einem Einsatz nicht passieren.
Sobald wir zu einer Evakuierung aufbrechen, konzentriere ich mich vollständig auf meine Aufgabe. Ich denke nicht darüber nach, was passieren könnte, sondern nur darüber, was im jeweiligen Moment zu tun ist. Die Tiere verlassen sich auf uns, genauso wie wir uns aufeinander verlassen. Für Unsicherheit bleibt in solchen Situationen kaum Zeit. Vor jedem Einsatz bete ich und vertraue darauf, dass ich alles tun werde, was in meiner Macht steht. Den Rest kann ich nicht kontrollieren. Diese Erkenntnis gibt mir Ruhe. Ich versuche nicht, die Angst zu bekämpfen – ich akzeptiere, dass sie da ist, lasse mich aber nicht von ihr führen.
Wie gehen deine Familie und Freunde damit um?
Natürlich machen sie sich Sorgen. Aber meine Familie kennt mich und weiss, dass ich mich immer dort hingezogen fühle, wo Hilfe gebraucht wird. Sie haben erlebt, wie ich auf Schiffen gearbeitet, gegen Wilderei gekämpft oder in abgelegenen Regionen der Welt Tieren geholfen habe. Dennoch war diese Entscheidung etwas anderes. Krieg ist unberechenbar. Die Gefahr ist allgegenwärtig, und niemand kann garantieren, dass man gesund zurückkehrt. Trotz ihrer Ängste haben sie mich immer unterstützt. Sie wissen, dass ich solche Entscheidungen nicht spontan treffe, sondern aus tiefer Überzeugung. Dafür bin ich ihnen unendlich dankbar. Ohne ihre Liebe und ihr Vertrauen könnte ich diese Arbeit nicht machen.
Ein Teil meiner Freunde bewunderte meinen Entschluss, andere konnten nicht verstehen, warum jemand freiwillig sein Leben riskiert, um Tiere zu retten. Ich habe gelernt, dass man nicht die Zustimmung aller braucht, um seinen eigenen Weg zu gehen. Entscheidend ist, dass man selbst weiss, warum man etwas tut.
Wie ist euer Tagesablauf?
Jeder Morgen beginnt mit der Frage, welche Notrufe über unsere 24-Stunden-Hotline eingegangen sind und welche Tiere dringend Hilfe benötigen. Gemeinsam mit unserem Einsatzleiter prüfen wir, welche Dörfer erreichbar sind und wie die Sicherheitslage aussieht. Wir stehen dabei ständig mit der Hotline, der lokalen Bevölkerung und teilweise auch mit dem Militär in Kontakt. Die Situation kann sich innerhalb weniger Minuten ändern. Eine Strasse, die am Morgen noch sicher war, kann kurze Zeit später durch Beschuss oder Drohnenaktivität unpassierbar sein.
Vor jedem Einsatz kontrollieren wir unsere Ausrüstung: Schutzweste, Helm, medizinisches Material, Transportboxen, Futter und alles, was wir für die Tiere benötigen. Während einer Evakuierung konzentrieren wir uns ausschliesslich auf unsere Aufgabe. Oft fahren wir durch zerstörte Dörfer, suchen nach zurückgelassenen Tieren, sprechen mit Anwohnern oder versuchen, verängstigte Hunde und Katzen einzufangen. Manche Tiere kommen sofort auf uns zu, andere brauchen viel Geduld und mehrere Anläufe. Zwischen den Einsätzen bleibt kaum Zeit zum Ausruhen. Tiere müssen versorgt, Fahrzeuge vorbereitet und neue Einsätze geplant werden. Trotzdem gibt es immer wieder Momente, in denen wir gemeinsam lachen. Gerade dieser Humor hilft uns, auch in schwierigen Situationen menschlich zu bleiben.
Was für ein Erlebnis wirst du nie vergessen?
Es gibt viele Einsätze, aber einer hat sich besonders tief in mein Herz eingebrannt. Im Sommer 2024 erhielten wir mehrere Meldungen über ein kleines weisses Kätzchen, das in einem aktiven Kampfgebiet bei Lyssiwka zurückgeblieben war. Als wir sie schliesslich fanden, war sie winzig, völlig erschöpft und hatte zwei unterschiedlich gefärbte Augen – eines blau, das andere gelb-braun. Trotz allem, was sie erlebt hatte, blickte sie uns mit einem unglaublichen Vertrauen an. Ich gab ihr den Namen Nazar, nach einem ukrainischen Soldaten, der uns an dieser Position geholfen hatte. Es war sehr schwierig sie einzufangen und wir brauchten mehrere Versuche. Ich bat meinen Teamkollegen immer wieder, noch einen Versuch zu wagen. Obwohl wir kaum geschlafen hatten, fuhr er jedes Mal erneut mit mir hinaus. Als wir Nazar schliesslich retten konnten, war das ein unbeschreiblicher Moment. Mitten zwischen zerstörten Häusern, Einschlägen und Krieg hielt ich dieses winzige Leben in meinen Händen. Nazar hatte grosse Angst, wehrte sich und biss mich, doch ich liess sie nicht los. In diesem Augenblick wurde mir wieder bewusst, warum jede einzelne Rettung zählt. Eine Woche später bekam ich vom Soldaten Nazar ein Video, dass Raketen genau das Gebäude getroffen haben, in dem das Kätzchen Schutz gesucht hatte.
Leider war Nazar bereits schwer krank. Sie lebte nur noch wenige Monate. Trotzdem bereue ich keine einzige Minute und kein einziges Risiko, das wir für sie eingegangen sind. Denn diese letzten Monate durfte sie in Sicherheit, mit Liebe und Geborgenheit verbringen. Viele Menschen fragen mich, ob es sich lohnt, für ein einziges Tier so viel zu riskieren. Meine Antwort ist immer dieselbe: Für dieses eine Tier verändert sich die ganze Welt, genau deshalb lohnt es sich.
Was gibt dir Kraft? Gerade auch, wenn du vielleicht ein Tier nicht retten kannst?
Die grösste Kraft geben mir die Tiere selbst. Sie erinnern mich jeden Tag daran, wie unglaublich anpassungsfähig und widerstandsfähig Lebewesen sein können. Selbst Tiere, die Schlimmstes erlebt haben – Bombardierungen, Hunger oder Verletzungen – verlieren oft nicht ihre Fähigkeit zu vertrauen. Das beeindruckt mich immer aufs Neue. Natürlich gibt es auch Einsätze, bei denen wir zu spät kommen. Momente, in denen wir ein Tier nicht mehr retten können oder feststellen müssen, dass Hilfe nicht mehr möglich ist. Das sind die schwierigsten Augenblicke. Früher habe ich versucht, jede dieser Situationen mit nach Hause zu nehmen. Irgendwann musste ich lernen, dass ich nicht die Verantwortung für den Krieg trage. Meine Verantwortung besteht darin, alles zu tun, was in meiner Macht steht. Kraft gibt mir auch mein Team. Wir erleben dieselben Situationen, verstehen einander oft ohne viele Worte und tragen diese Erlebnisse gemeinsam. Dieses gegenseitige Vertrauen ist unbezahlbar. Und schliesslich gibt mir die Hoffnung Kraft. Jede gerettete Katze, jeder Hund und jedes andere Tier erinnern mich daran, dass Mitgefühl selbst im Krieg nicht verschwindet.
Wie schützt du dich vor den psychischen Folgen?
Jeder Einsatz hinterlässt Spuren, einen vollständigen Schutz gibt es nicht. Wer über längere Zeit Krieg erlebt, nimmt diese Erfahrungen mit nach Hause. Das gilt für Soldaten genauso wie für Sanitäter, Journalisten oder Tierschützer. Für mich ist es wichtig, meine Gefühle nicht zu verdrängen. Viele Menschen versuchen, stark zu wirken, indem sie nichts mehr an sich heranlassen. Ich glaube jedoch, dass genau das langfristig krank machen kann.
Malen hilft mir dabei sehr. Kunst ist für mich eine Sprache, wenn Worte nicht mehr ausreichen. Viele meiner Bilder entstehen aus Erinnerungen an Tiere, Menschen oder Situationen, die mich tief berührt haben. Dadurch kann ich Erlebtes verarbeiten. Auch die Natur gibt mir unglaublich viel Kraft. Sobald ich Zeit habe, gehe ich in den Wald oder an einen See. Dort finde ich eine Ruhe, die ich an kaum einem anderen Ort finde. Ausserdem versuche ich, bewusst dankbar zu bleiben. Gerade der Krieg hat mir gezeigt, wie wertvoll selbst die kleinsten Dinge sind: eine warme Dusche, ein gemeinsames Essen, ein sicherer Schlafplatz oder einfach ein ruhiger Abend. Diese Dankbarkeit hilft mir, den Blick nicht nur auf das Leid zu richten, sondern auch auf all das Gute, das trotz allem noch existiert.
Wohin kommen die geretteten Tiere?
Das hängt ganz von ihrem Zustand ab. Viele Tiere sind verletzt, unterernährt oder völlig traumatisiert. Sie werden zunächst medizinisch versorgt und erhalten Zeit, sich von den Strapazen zu erholen. Alle Kliniken und Shelters von ARK wurden von PETA finanziert und aufgebaut. Ohne die Hilfe von PETA, wäre diese Arbeit gar nicht möglich. Ein grosser Teil kommt in unsere Tierheime oder zu erfahrenen Pflegestellen. Dort lernen sie Schritt für Schritt wieder Vertrauen zu fassen. Wenn sie gesundheitlich stabil sind, versuchen wir, ein neues Zuhause im In- oder Ausland für sie zu finden. Einige Tiere werden von internationalen Partnerorganisationen übernommen und später vermittelt. Etwa 30 bis 40% der Tiere können wir wieder mit ihren Familien zusammenführen. Diese Momente zeigen uns, warum sich diese Arbeit lohnt. Jedes Tier hat seine eigene Geschichte. Manche brauchen nur wenige Wochen, andere viele Monate, bis sie wieder Vertrauen fassen. Jedes einzelne verdient diese Chance.
Was war ein sehr berührender Moment?
Am meisten berührt mich die Menschlichkeit, die ich in der Ukraine erleben durfte, neben der Dankbarkeit der geretteten Tiere. Bevor ich in die Ukraine kam, dachte ich, dass Krieg vor allem Angst, Misstrauen und Verzweiflung hervorbringt. Natürlich gibt es all das. Aber gleichzeitig habe ich etwas erlebt, womit ich nie gerechnet hätte. Oft fahren wir in Dörfer, in denen Menschen selbst alles verloren haben. Ihre Häuser sind zerstört, sie leben ohne Strom oder fliessendes Wasser und wissen nicht, wie ihre Zukunft aussehen wird. Trotzdem erleben wir immer wieder, dass genau diese Menschen zuerst an ihre Tiere denken. Sie bitten uns nicht darum, ihre Möbel oder persönlichen Gegenstände zu retten, sondern sagen: „Bitte nehmt meinen Hund mit oder rettet meine Katze.“ Mich berührt auch das Vertrauen, das uns entgegengebracht wird. Fremde Menschen übergeben uns das Wertvollste, was sie noch besitzen – ihr Tier – und hoffen darauf, dass wir ihm eine Zukunft schenken können.
Ein weiterer Moment, den ich nie vergessen werde, war, als wir nach einer langen und schwierigen Evakuierung ein völlig verängstigtes Tier endlich in Sicherheit bringen konnten. Nachdem es stundenlang gezittert hatte, legte es plötzlich seinen Kopf auf meinen Arm und schlief ein. In diesem Moment wurde mir bewusst, dass Mitgefühl manchmal keine Worte braucht. Vertrauen entsteht oft in völliger Stille. Solche Augenblicke erinnern mich immer wieder daran, warum sich jede Anstrengung lohnt. Der Krieg hat mir gezeigt, dass Menschlichkeit nicht verschwindet, wenn alles zusammenbricht. Im Gegenteil – manchmal wird sie gerade dann besonders sichtbar.
Wie können die Menschen euch unterstützen?
Natürlich benötigen Organisationen wie Animal Rescue Kharkiv (ARK) oder PETA finanzielle Unterstützung. Futter, Medikamente, Tierarztkosten, Fahrzeuge, Treibstoff und Schutzausrüstung verursachen enorme Kosten und sind die Grundlage dafür, dass wir überhaupt helfen können. Doch Unterstützung bedeutet weit mehr als eine Spende. Menschen können unsere Arbeit sichtbar machen, indem sie darüber sprechen, Informationen teilen oder andere auf die Situation aufmerksam machen. Viele wissen gar nicht, dass unzählige Tiere noch immer mitten im Krieg zurückgelassen werden und täglich auf Hilfe angewiesen sind.
Auch Adoptionen geretteter Tiere können Leben verändern. Jedes vermittelte Tier schafft Platz für das nächste, das dringend Hilfe braucht. Ich wünsche mir ausserdem, dass Menschen lernen, Tiere nicht als Besitz zu sehen, sondern als fühlende Lebewesen mit einem eigenen Wert. Wenn dieses Bewusstsein wächst, verändert sich langfristig auch der Umgang mit ihnen. Jede Form von Mitgefühl, ob durch Zeit, Wissen, Spenden oder Aufmerksamkeit macht einen Unterschied.
Bleibst du bis zum Kriegsende vor Ort?
Solange ich einen sinnvollen Beitrag leisten kann und meine Hilfe gebraucht wird, möchte ich weiterhin unterstützen. In den vergangenen Jahren habe ich dort Menschen kennengelernt, die mich tief geprägt haben. Ich durfte Teil eines Teams werden, das wie eine Familie zusammenarbeitet, und habe unzählige Tiere gerettet, die mein Leben verändert haben. Gleichzeitig habe ich gelernt, dass nachhaltige Hilfe auch bedeutet, auf sich selbst zu achten. Wer langfristig helfen möchte, muss manchmal einen Schritt zurücktreten, neue Kraft sammeln, sich weiterbilden und dann wieder zurückkehren. Eines ist für mich jedoch sicher: Die Ukraine wird immer einen Platz in meinem Herzen haben. Die Erfahrungen, die Menschen und die Tiere, die ich dort kennenlernen durfte, haben mich für immer verändert. Ich hoffe, dass ich auch in Zukunft dazu beitragen kann, Leben zu schützen egal, an welchem Ort der Welt und das Menschen durch unsere Arbeit lernen, die Sprache der Tiere zu verstehen.
Bilder: Simone Eisenbeiss
