Mein Diabetes und ich

Seit 20 Jahren bin ich Diabetikerin. Dies so offen zu sagen, viel mir lange Zeit sehr schwer. Ich wollte nicht anders sein, zumindest nicht so anders. Und ich wollte auch nicht, dass es irgendjemand sehen könnte.

Bild von Daphne Chaimovitz

Deswegen habe ich mich sehr lange geweigert, über eine Insulinpumpe oder einen Sensor mit einem Flash Glukose Messsystem nachzudenken. Mein Arzt – ebenfalls Diabetiker – gab seine Bemühungen nicht auf. Mittlerweile trage ich seit über einem Jahr den Freestyle Libre am Oberarm und kann ihn gar nicht mehr wegdenken. Wer hätte das gedacht. Ich bestimmt nicht!

Mit meinem üblichen Humor erzähle ich gerne die Geschichte, wie mein Arzt mir für die nächste Kontrolle den Libre aufgeschwatzt hat, den ich einen Monat vor dem Termin testen musste. Schon bei der Bestellung war ich leicht gereizt, ich wollte das ja eigentlich nicht. Als dann der Monat kam, schraubte ich also das Teil zusammen und befestigte es am Arm. Ich spürte nichts und wurde sauer, weil das Zeug offensichtlich nicht funktionierte! Ich war mir sicher, dass ich einen Pik hätte spüren müssen. Als ich mit dem Messgerät über den Sensor fuhr, wurde ich eines Besseren belehrt. In 60 Minuten sei der Sensor startklar. Ich war aber noch zu skeptisch, um dem ganzen zu trauen.

Heute, gut eineinhalb Jahre später, ist der Libre nicht nur eine Erleichterung, sondern auch ein Türöffner. Wenn die Menschen genug neugierig sind, fragen sie, was das an meinem Arm ist. Seit Beginn klebe ich immer einen Schmetterlingsticker auf den Sensor, damit er nicht so klinisch aussieht. Dass ich deswegen wiedererkennt werde, hätte ich nicht gedacht. Vor kurzem lernte ich ein mega liebes Paar kennen – einer ebenfalls Diabetiker. Sie erzählten mir, dass sie sich an mich erinnern wegen des Klebers. Das fand ich toll.

Bild von Daphne Chaimovitz, Diabetes

Zum ersten Mal ging das Gespräch mit einem anderen Diabetiker nicht um die Handhabe des Diabetes im Alltag, sondern um die Gefühle, die man gegenüber dem Diabetes hat und wie man mit ihm zurechtkommt. Diabetes war für mich lange mit sehr viel Scham verbunden, weil ich nicht wusste, wie die Leute reagieren, wenn ich es erzähle oder in der Öffentlichkeit den Blutzucker messe und Insulin spritze. Es war für mich sehr erleichternd, dass jemand genau so fühlt wie ich. Manchmal ist man einfach zur rechten Zeit am richtigen Ort und lernt die richtigen Menschen kennen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Als 13-jähriges Mädchen hätte ich so jemanden im Kispi gebraucht. Jemand, der mir sagt, dass diese oder welche Krankheit auch immer, einen nicht minderwertig macht. Dass man trotzdem alles werden kann, ausser in meinem Fall Pilotin oder Taucherin. Im Kinderspital habe ich angefragt, ob ich die Kinder, die frisch Diabetes haben, begleiten darf. Ich möchte ihnen zeigen, dass sie trotz der Krankheit noch alles vor sich haben, auch wenn das Leben gerade Kopf steht.

Bild von Daphne Chaimovitz

Heute bin ich Bloggerin, interviewe Schauspieler und andere Personen der Öffentlichkeit von allen Herren Ländern. Beim Interview mit Daniel Radcliffe hatte ich mittendrin ein Hypo (Hypoglykämie, Unterzuckerung). Dann musste ich Traubenzucker essen und das raschelt. Es ist halt so, wie es ist. Vielleicht wird es irgendwann ganz normal, dass ich mir in der Öffentlichkeit nicht mehr überlege, was ist, wenn jemand zusieht oder ein blöder Kommentar kommt. Die sind zum Glück ganz selten, aber unnötig und respektlos.

Bild Daniel Radcliffe und ich

Mittlerweile ist diese Scham weniger geworden, weil es mir weniger wichtig ist, was die anderen denken, denn sie denken sowieso, was sie wollen. Mein Ziel ist es, meinen Diabetes optimal einzustellen. Das bedeutet dann auch an Events zuerst zu spritzen und dann zu essen, dabei nicht extra auf die Toilette zu gehen oder sonst einen Stress zu haben. Es ist ein Teil von mir und es ist meine Gesundheit, für die ich sorge tragen muss! Ich hätte auch schon eine Insulinpumpe ausprobieren wollen, habe aber grosse Mühe damit, dass ich als Patientin einen Teil der Kosten selber tragen muss, den ich nicht bei der Krankenkasse abziehen kann. Dies kann ich nicht unterstützen.

Ich hoffe, dass dieser offene Beitrag Menschen Mut macht, egal ob sie Diabetes, eine andere Krankheit oder gar nichts haben. Diabetes ist eine chronische Krankheit, die mich wohl für den Rest meines Lebens begleitet. Ich bin bereit, meinem Weg mit ihm Hand in Hand zu gehen.

Bilder: Daphne Chaimovitz

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