Interview mit Corinna Glaus

Seit bald 30 Jahren ist Corinna Glaus (64) aus Zürich Casterin und hat grosse Freude an ihrem Beruf. «Glaus Casting» führt sie zusammen mit zwei Mitarbeiterinnen und verhalf so schon vielen Schauspieler*innen zum Durchbruch. Wie sie zu ihrem Beruf kam, an welche Zusammenarbeit sie sich besonders gern erinnert und welche lustigen Momente es beim Casting gab, verriet sie mir im Interview.

Bild von Corinna Glaus

Wie bist du Casterin geworden?
Es gibt keine eigentliche Ausbildung. Im Grunde wollte ich Theaterregie machen und war auch ein paar Jahre Regieassistentin und Regisseurin. Durch Zufall bin ich zum Film gekommen und meine Leidenschaft war dann grösser als fürs Theater. Damals gab es nur Caster*innen in Deutschland. Für mich war die Arbeit als Casterin, die Quintessenz von all dem was ich gerne mache. So habe ich angefangen.

War es für dich schwierig, als Frau in der Männerdomäne Film Fuss zu fassen?
Über die ganze Zeit hat sich das Geschlechterverhältnis enorm gebessert. Caster waren aber schon immer eher Frauen, weshalb auch immer. Ich bin leider wie viele Kolleginnen nicht so gut im Dealen und Verhandeln wie Männer. Dazu gibt es auch Statistiken, die zeigen, dass männliche Caster mehr verdienen als Frauen. 

Bist du für die ganze Schweiz zuständig?
Ich arbeite vor allem für die Deutschschweiz und für internationale Koproduktionen hauptsächlich Deutschland. Mit der Westschweiz habe ich nur sporadisch zu tun. Eher wenn wir in der Deutschschweiz jemanden aus der Romandie suchen, wie zum Beispiel Anna Pieri Zürcher für den Tatort. Manchmal werde ich angefragt, weil mich zum Bespiel die Regie kennt.

Wer entscheidet, wer ans Casting darf und wie ist der Ablauf beim Casting?
Ich erstelle eine Vorschlagsliste mit allen Links und Informationen, die ich der Regie schicke. Dann entsteht eine lange und intensive Diskussion, bei der ich meine Auswahl auch begründen muss. Oftmals findet zuerst ein E-Casting statt. Danach werden die Favoriten zum Casting eingeladen. Bei den eigentlichen Probeaufnahmen, kommen die Schauspieler*innen vor die Kamera. Sie müssen dann einige Szenen vorbereiten und spielen. Meistens ist die Regie auch dabei. Es ist dann enorm spannend, was die Schauspieler*innen mitbringen und wie sie die Szenen umsetzen.

Wie viel Einfluss hast du auf die tatsächliche Besetzung?
Im Endeffekt entscheidet die Produktion. Es gibt intensive Diskussionen, bis entschieden wird, wer die Rollen spielt. Das hat oft nicht mit der Qualität zu tun, sondern mit der Dramaturgie und der Vision der Regie. Es kam schon vor, dass ich überrascht bin, wen sie schlussendlich auswählen. Meine Funktion, mein Ziel ist, dass die Regie ihre Vision der Geschichte bestmöglich umsetzen kann.

Bild von Corinna Glaus

An was für eine Zusammenarbeit bei einem Filmprojekt erinnerst du dich besonders gern?
Bei der Serie «Frieden» war der Regisseur Mike Schaerer unglaublich toll und bewundernswert. Es gab sehr viele verschiedene Rollen und Geschichten. Er äusserte sich immer klar und gab zu jedem Vorschlag ein Feedback. Wir wussten immer, wieso er eine Auswahl interessant findet oder nicht. Wenn er unsicher war, fragte er mich, wieso ich diesen Vorschlag mache. Er nahm unsere Arbeit extrem ernst. Wenn auf dieser Ebene zusammengearbeitet wird, ist es sehr inspirierend.

Für welches Genre castest du am liebsten?
Ich habe kein Lieblingsgenre. Komödien sind etwas vom schwersten zu casten. Dies fordert auch die Schauspieler*innen auf höchstem Niveau, weil es berühren und trotzdem Komik haben soll. Ein bisschen Mühe habe ich mit Fantasy oder Science-Fiction, weil die Inhalte der Geschichte mehr durch äussere, technische Dinge erzählt werden, als über die Schauspieler*innen.

Was rätst du neuen / jungen Künstlern?
Schlussendlich ist es immer die Leidenschaft und das Durchhaltevermögen, das zählt. Qualität ist zielführend und ermöglicht eine Karriere und nicht überall sich beworben oder mitgemacht zu haben. Man muss sehr kritisch sein: Wenn man mit guten Leuten zusammenarbeitet, kommt man einen Schritt weiter.

Wie können sie deine Aufmerksamkeit gewinnen?
Einerseits bin ich permanent am Suchen, gehe viel ins Theater und schaue viele Filme. Ganz klassisch melden sich natürlich auch die Schauspieler*innen bei mir. Was ein super Arbeitsinstrument geworden ist, sind die grossen Schauspieldatenbanken. Dort laden die Schauspieler*innen all ihre Dokumentationen hoch und schicken mir den Link oder ich kann dort nach Talenten suchen.

Was für schöne Rückmeldungen hast du bekommen?
Ganz viele. Oftmals entstehen auch schöne Beziehungen. Mit den beiden Tatortkommissarinnen Anna Pieri Zürcher und Carol Schuler habe ich immer wieder einen Austausch, manchmal schicken sie mir Fotos oder mailen. Carol kenne ich seit klein, weil ich sie mit elf Jahren schon besetzt habe. Auch mit Rachel Braunschweig, die die Staatsanwältin spielt im Tatort, bin ich immer wieder in Kontakt. Ich bin seit bald 30 Jahren in diesem Geschäft und konnte einige Talente seit der Jugend begleiten. Viele wurden als Shooting Stars ausgezeichnet oder mit nationalen und internationalen Filmpreisen.

Bild von Corinna Glaus und Daphne Chaimovitz

Bilder:
Video: Daphne Chaimovitz

1 Kommentar

  • Silvia 29/04/2021 at 4:44 pm

    Spannend, auf was bei einem Casting alles geschaut werden muss!! Sehr interessant!

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