Thomas Nellen (65) aus Zürich ist Maskenbildner und wohnt seit 1993 in Los Angeles. Kennengelernt habe ich Thomas am Set von der Kultserie «Tatort». Wie es dazu kam, dass er in Hollywood so erfolgreich wurde, warum er dennoch immer wieder auch an Schweizer Filmsets arbeitet, über seine Freundschaft zu Jeff Bridges und über einen unvergesslichen Flug mit Harrison Ford und Helen Mirren, berichtet Thomas mir ihm Interview.

Wieso wolltest du Maskenbildner werden?
Seit jeher fand ich es spannend, Leute zu beobachten und sie zu studieren. Wir alle präsentieren uns ja auf irgendeine persönliche Art und Weise der Umwelt, sei es über die Haare, Make-up oder Kleidung. Das heisst, dass wenn wir jemanden sehen, wir gleich eine Idee haben, wer diese Person ist oder sein könnte. Ich habe schon immer gerne gemalt und fand es immer spannend, auf was für Ideen man kommen kann, um das Erscheinungsbild zu verändern. Ein bisschen Farbe kann einen grossen Unterschied machen.
Was fasziniert dich an deinem Beruf?
Es fasziniert mich, wie man über das Medium Make-up eine Geschichte erzählen oder einer Figur in einem Film zum Leben verhelfen kann. Ebenfalls wie viel oder wenig es eben braucht, um diese Figuren glaubhaft zu kreieren. Das grösste Kompliment für uns ist, wenn niemand unsere Arbeit erwähnt, denn das heisst, dass die Figuren glaubhaft waren und die Geschichte und den Film unterstützten.
War es für dich immer klar, dass du zum Film/zu Serien wolltest?
Nein, eigentlich wollte ich Gastronom werden. Dies hat mir bei meinem heutigen Beruf sehr geholfen hat, da ein Teil der Maskenbildnerei sicherlich ins Bild eines Dienstleistungsberufes passt. Früher im Gastgewerbe hiess es: Der Gast ist König. Heute heisst das für mich, die Schauspieler, die auf meinem Stuhl sitzen, müssen sich wohl fühlen und mir vertrauen.
Was war die aufwendigste Maske, die du je gebildet hast?
Das Gesamtbild von «10,000 BC» von Roland Emmerich war sicherlich einer der aufwendigsten Masken, die ich mit meinem Team kreiert habe. Wir hatten täglich bis zu 750 Statisten, die auf verschiedene afrikanische Stämme geschminkt werden mussten und zwar so, dass man sie auch in der Silhouette voneinander unterscheiden konnte. Mein Team bestand aus über 30 Maskenbildern.

Gab es eine Maske, vor der du selbst Angst bekamst?
Ich versuche, meine Masken und Wunden immer so zu kreieren, dass es innerhalb des Schrecklichen und Gruseligen immer noch etwas Attraktives hat. Wenn ich das mache, ist es für mich ein kreativer Prozess. Wenn ich jedoch selbst zum Arzt muss, und dann das Messer oder die Spritze sehe, kann ich fast nicht hinschauen und es wird mir halb schwindlig, haha. Es ist aber schon passiert, dass auf einem Filmset plötzlich der Set Medic mit seinem Verbandskasten dastand, um einen Verletzten zu verarzten, weil er nicht wusste, dass es sich um Make-ip handelte. Das ist für mich natürlich das grösste Kompliment.
Mit was für Materialien wird gearbeitet und mit was arbeitest du am liebsten?
Es gibt heutzutage viele Produkte, die das Leben des Maskenbildners einfacher machen, wie Silikon Produkte, die sich gut in die Haut einschminken lassen, um die Ränder zu verdecken. Nach wie vor arbeite ich gerne mit einem Produkt das «Third Degree» heisst. Ein zwei Komponente Silikat mit dem man bis zu zehn Minuten Zeit hat, Wunden zu kreieren, bevor es dann eintrocknet, jedoch flexibel bleibt. Ist es ein straight Make-up, also Beauty Make-up, dann würde ich sagen, dass ich verliebt bin in meine Make-up Basis «Visiora» von Dior. Mit dem Produkt arbeite ich schon fast seit Beginn meiner Laufbahn. Die magische Nummer heisst M3. Leider wird das Produkt nicht mehr produziert und ist nur noch schwer zu finden. Ich verstehe das nie, wieso ein Produkt das alle lieben und wirklich funktioniert, plötzlich nicht mehr erhältlich ist. Interessant ist, dass jeder Maskenbildner andere Produkte hat, mit denen er gerne arbeitet

Wie hast du es geschafft, in Amerika Fuss zu fassen und dich als Maskenbildner zu etablieren?
Ich hatte die Möglichkeit, mit dem englischen Regisseur Mike Hoffman 1986 in Utah an seinem Film «Promised Land» zu arbeiten. Produziert wurde der Film von Robert Redford und die Stars waren Meg Ryan und Kiefer Sutherland. Dann, nachdem ich dreimal die Green Card Lottery gespielt hatte, gewann ich sie dann tatsächlich 1992. Das hiess aber, dass ich nach Amerika auswandern musste, damit die Arbeitsbewilligung nicht verfällt. Ich schaffte es, nach vier Jahren in meine Gewerkschaft aufgenommen zu werden (Local 706). Mein erster grosser Film war dann «The Patriot» mit Mel Gibson in der Hauptrolle. Im Jahr darauf lernte ich auf «Seabiscuit» Jeff Bridges kennen. Heute, 25 Jahre später sind wir noch immer ein tolles Team und schätzen uns gegenseitig.
Wieso ist es dir wichtig, auch immer wieder in der Schweiz an Filmsets zu arbeiten?
2017 arbeitete ich zum ersten Mal nach 24 Jahren wieder in der Schweiz. Barbara Auer, die in Hamburg lebt, erinnerte sich an mich, da wir in den 80er-Jahren beim Film «Brandnacht» in der Schweiz zusammengearbeitet hatten. Sie war die Hauptdarstellerin, deswegen lud mich die Produktion ein, bei «Vacuum» die Maske zu übernehmen. Zurzeit arbeite ich mit Marc Hollenstein auf dem hiesigen «Tatort». Marc kannte ich schon, bevor ich in die USA emigrierte. Er unterstützte mich bei «10,000 BC» in Südafrika und Neuseeland. Dann arbeiteten wir bei «Nomad» in Kasachstan zusammen. Als er mich Anfangs des Jahres einlud, mit ihm den Tatort zu machen, sagte ich ihm natürlich gleich zu. Für mich ist es wichtig, auf Projekten zu arbeiten, zu denen ich einen Bezug habe, sei es der Schauspieler, der Regisseur oder eben wie auf diesem Projekt Marc. Wir sind ein tolles Team und ergänzen uns bestens. In den nächsten paar Jahren möchte ich auch wieder in die Schweiz zurückkehren, um meinen nächsten Lebensabschnitt hier zu verbringen.

Du hast mit vielen Hollywoodstars gearbeitet. Welche Zusammenarbeiten wirst du nie vergessen und wieso?
Natürlich stehen da die Projekte, die ich mit Jeff Bridges gemacht habe, ganz oben auf der Liste. Jeden Film, den wir zusammen gemacht haben, hat er wegen der Geschichte und seines Charakters ausgewählt. Das war jedes Mal toll für mich, da es immer einen kreativen Austausch gibt, wie man den Charakter angehen / porträtieren könnte. Harrison Ford habe ich am Set von «1923» kennengelernt. Er lud mich ein, die Pressetour mit ihm zu machen. Er fragte mich, ob ich mit Helen Mirren und ihm in einem Privatjet nach LA fliegen möchte. Natürlich sagte ich zu, da ich dachte, dass es wegen meinem Make-up Kit einfacher wäre, wenn ich meine Sachen mit dem Flieger mitnehmen kann. Am Flugplatz begrüsste uns Harrison und wies uns unsere Sitze zu. Nachdem er uns erklärt hatte, wo wir die Rettungsweste finden, drehte er sich um und verschwand im Cockpit. Helen und ich schauten uns nur an und drückten uns wortlos die Hand. Auch sie hatte keine Ahnung, dass er selbst fliegt… Das werde ich nie vergessen. Als ich Helen Mirren kennenlernte, war ich ziemlich nervös da ich ein grosser HM Fan bin. Als wir uns begrüssten und uns anschauten, viel der ganze Stress weg. Es fühlte sich so an, als ob wir uns schon immer gekannt hätten. Das sind tolle Momente.
2018 wurdest du mit dem «Spezialpreis der Akademie» geehrt und kein geringerer als dein langjähriger Freund Jeff Bridges überreichte dir den Preis per Videobotschaft. Was bedeutet dir dieser Preis und, dass er von Jeff Bridges übergeben wurde?
Der Preis bedeutet mir sehr viel, zumal ich ihn ja für meine erste Arbeit nach all den Jahren im Ausland bekommen habe. Und das Jeff Bridges mir den Preis überreichte, war überhaupt das Beste. Ich dachte am Schluss einfach, dass sich da ein Kreis schliesst. Ich komme aus der Schweiz, arbeite mit Jeff in Vancouver und er ist es, der mir den Schweizer Spezialpreis überreicht. Wenn ich mich nicht täusche, war seine Grossmutter auch Schweizerin.
Du bist auch in der Academy, die die Oscars verleiht. Welche Punkte sind dir bei der Filmbewertung besonders wichtig?
Das Wichtigste ist, glaube ich, dass wenn man sich entscheidet, Teil des Wahlverfahrens zu sein, dass man sich die Zeit nimmt, alle Filme anzuschauen. Ich bin auch im Vorauswahl-Komitee der Internationalen Filmkategorie. Da schaut man mindestens zwei Filme pro Tag während Wochen. Das heisst, es wird eigentlich ein Vollzeitjob. Gerade bei den internationalen Filmen muss man jedem Land die Chance geben, gesehen zu werden. Viele Länder, die ihre Filme einreichen, haben zu wenig Budget, um die Werbetrommel zu rühren. Wir haben Zugang zu allen Filmen auf der Akademie-Plattform und natürlich auch Screenings mit anschliessenden Q&A’s. Es ist mir eine Ehre, dabei zu sein.
Bilder: Thomas Nellen


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